Turbozock mit gezinkten Karten

Turbozock mit gezinkten Karten – folgender Artikel wurde in “Die Welt” in Anlehnung an meine Erfahrungsberichte auf wallstreet:online veröffentlicht:

 

Turbozock mit gezinkten Karten

Mißbräuchliche Handelspraktiken führen zu Verzögerungen im Online-Handel
von Holger Bosse

Stellen Sie sich folgende Szene vor: Ein Kunde betritt einen Supermarkt und schreitet zur Obsttheke. Er greift eine Bananenstaude und gibt sie dem Verkäufer zum Abwiegen. Der Verkäufer: “Das macht 1 Euro 79.” Nach kurzem Zögern legt der Kunde die Staude wieder in die Auslage, nimmt eine neue und gibt sie dem Verkäufer zum erneuten Abwiegen. Dieser: “Das macht jetzt 1 Euro 84.” Wiederum nach kurzem Zögern legt der Kunde auch diese Staude zurück, greift zur nächsten und setzt das Spiel fort. Preisfrage: Wie oft wird sich der geschilderte Ablauf wiederholen, bis es dem Verkäufer zu bunt wird? Und was hat das ganze mit Wertpapierhandel zu tun?
Zur ersten Frage: Nach Schätzung des Autoren wird es spätestens beim dritten Wiegevorgang zu einer wie auch immer gearteten Reaktion des Verkäufers kommen, die dem munteren Reigen des Wiegens und Wägens ein Ende bereitet. Zur zweiten Preisfrage: Mit Wertpapierhandel sollte das ganze überhaupt nichts zu tun haben. Ein Blick hinter die Kulissen der Handelsabteilungen bei Emissionsbanken zeigt aber, daß sich das seltsam anmutende Verhalten des Bananenliebhabers in der zweifelhaften Vorgehensweise einer bestimmten Untergruppe der Spezies “Daytrader” wiederfindet.

 

Der typischer Ablauf ist folgender: Ein Trader, nennen wir ihn Max, sendet über eine Onlineverbindung innerhalb weniger Sekunden mehrere Kursanfragen für ein und dasselbe Wertpapier, beispielsweise einen Knock-Out-Optionsschein auf den Dax. Da alle eingehenden Kursanfragen umgehend von der Bank beantwortet werden, erhält Max innerhalb von Sekundenbruchteilen nach Abgabe für jede einzelne Kursanfrage einen handelbaren Geld- oder Briefkurs. Ein Geschäft kommt nur dann zustande, wenn Max den jeweiligen Kurs innerhalb einer vorgegebenen Stillhaltezeit – in der Regel liegt diese bei vier Sekunden – mit einer Kauf- oder einer Verkaufsorder beantwortet. Wer nun glaubt, daß Max in einen Kaufrausch gerät, der täuscht sich. Während nämlich einerseits die Emittentenkurse auf den Bildschirm rauschen, beobachtet er gleichzeitig die Kursbewegungen des Dax-Future, der für die Preisberechnung der Knock-Out-Papiere relevant ist. Aktiv wird Max nur, wenn sich der Kurs des Dax-Futures seit der Kursstellung für den Knock-Out so stark bewegt hat, daß Max das Papier aufgrund der Stillhaltezeit unter seinem fairen Wert erwerben kann. Mehr als ärgerlich für den Emittenten, denn bei solchen Attacken kann er sich nicht mehr zu dem Preis im Future absichern, der Grundlage für die ursprüngliche Preisberechnung war. Ist die Marktschwankung kräftig genug, kann Max einige Sekunden später bei seiner nächsten Kursanfrage, die dann den aktuellen Future-Kurs zur Berechnungsgrundlage hat, schon einen kleinen Gewinn verbuchen. Sein Gewinn ist somit der Verlust des Emittenten.

Das oben beschriebene Vorgehen wird von den Akteuren sinnigerweise als “Scalping“, also Skalpieren, bezeichnet. Für Internet-Nutzer nachlesbar auf Wall-Street-Online, wo sich vor kurzem einer jener Turbozocker à la Max dazu berufen fühlte, einen als “Reales Experiment” bezeichneten Erfahrungsbericht zu veröffentlichen. Es möge gestattet sein, hierzu einige Anmerkungen aus der Sicht eines Emittenten kund zu tun.

 

Zu allererst sei festgestellt, daß im Handel zwischen professionellen Marktteilnehmern eine Scalping-Strategie nicht möglich ist, da es keine Stillhaltezeiten wie im Online-Handel gibt. Wäre es doch möglich, so würde ein systematisches Scalping dazu führen, daß Max de facto binnen kürzester Zeit erwerbslos wäre, weil sich kein Handelspartner zur Kursstellung bereit erklären würde. Die Anonymität des Online-Handels läßt eine solche Reaktion jedoch nicht zu. Deswegen greifen Emittenten zu anderen Abwehrstrategien.

Die beiden wirksamsten Abwehrmechanismen sind die Ausweitung der Geld-/Briefspanne und das Nichtbeantworten der Kursanfragen. Interessant ist zu beobachten, wie nach solchen, von den unredlichen Absichten einiger Trader initiierten Abwehrmaßnahmen, ein Aufschrei der Entrüstung über die einschlägigen Brokerboards schwappt. Mal ist es die A-Bank, die als Betrüger tituliert wird, mal ist es die B-Bank, deren Laden eigentlich zugesperrt werden sollte. Was die Community der Skalpierer dabei geflissentlich übersieht, ist die Tatsache, daß sie selbst durch ihr unredliches Verhalten ein entsprechendes Abwehrverhalten der Emissionsbanken zu verantworten haben.

Viele Anleger leben in dem Glauben, daß die Banken im Derivatehandel gegen den Anleger spekulieren, ergo der Verlust des einen der Gewinn des anderen ist. Falsch! Die Bank spekuliert nicht gegen den Anleger, sondern sichert sich durch Gegengeschäfte ab. Je gewiefter die Bank in diesem Management von Risiken agiert, um so rentabler ist für sie das Geschäft. Im Idealfall, wenn also der Anleger die Marktentwicklung richtig antizipiert hat, ist der Handel mit Derivaten eine Win/Win-Situation für Anleger und Bank. Genau so wenig, wie die Bank gegen den Anleger spekuliert, kann sie es zulassen, daß sie der Anleger durch das Ausnutzen systembedingter Schwachstellen abzockt. Scalping ist nicht illegal. Genau so wenig übrigens – Skalpierer aufgepaßt – wie die diversen Abwehrstrategien der Banken illegal sind. Eine andere immer wieder zu hörende Rechtfertigung für unredliche Handelsaktivitäten ist der Umstand, daß die Banken mit dem Derivate-Geschäft natürlich Geld verdienen wollen. Geld, wie oben bereits gesagt, daß im Risikomanagement verdient wird und nicht auf Kosten der Anleger. Offensichtlich bieten die Banken ein gutes Produkt an, denn sonst würden die Trader doch in Scharen an die Terminbörsen abwandern, wo vergleichbares angeboten wird. Eine Anmerkung zum Schluß: Der die Öffentlichkeit suchende Wall-Street-Online-Trader hat seine Karriere als Skalpierer beendet. Zitat: “… letztendlich haben die Emmis das Spiel gewonnen… Das Experiment ist beendet!”

Holger Bosse ist Head of Securitized Products Frankfurt bei Dresdner Kleinwort Wasserstein

Dieser Artikel über den Turbozock entstand in Anlehung an die Beiträge unter Bernecker1977 auf wallstreet:online und führte dort im Anschluss zu kontroversen Diskussionen im Thread: Scalping – das schnelle Geld – ein reales Experiment.

Eine detaillierte Vorstellung zum Thema Scalping und das spezielle Praxisthema Scalping mit Knockouts runden diese Darstellung ab.

Bernecker1977 – Andreas Mueller

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