Flash-Crash

Der rasante Einbruch des US-Aktienmarktes am Abend des 6. Mai 2010 ging als „Flash Crash“ in die Geschichte der Finanzmärkte ein. Innerhalb weniger Minuten stürzte der Dow Jones um 9 Prozent bzw. 1.000 Punkte und erholte sich im Anschluss daran ebenso blitzartig von dieser Übertreibung. Damit war dies der größte Punkteverlust in der über 100-jährigen Geschichte des Dow Jones. Einige Aktien verloren zwischenzeitlich sogar 99 Prozent an Wert und notierten bei einem Cent. Zum Handelsende standen ein enormes gehandeltes Volumen und „nur“ ein Minus von 3 Prozent auf der Kurstafel der US-Leitbörse. Ich dokumentierte diesen Flash-Crash zeitnah im Artikel:
Tippfehler an der Börse

Flash-Crash-Erklärungen

Nach diesem Ereignis kursierten mehrere Erklärungen zum Flash-Crash in den Medien. Die populärste war die Begründung durch eine so genannte „Fat Finger Order“. Hierbei handelt es sich um Tippfehler eines Händlers oder Brokers. Bei der Recherche vergangener Verwerfungen findet man in der Tat solche Fälle in denen Stückzahlen mit dem Kurs verwechselt wurden oder eine (bzw. mehrere) Nullen zu viel an die Börse geroutet worden sind. Meist handelte es sich jedoch um Einzelaktien mit klar eingrenzbaren Auswirkungen. Solche starke Index-Bewegungen wie bei diesem Flash-Crash ergaben sich daraus nie.

Als weiterer Auslöser wurden die Flash-Orders als Schuldige oder zumindest Mitschuldige genannt. Flash-Orders sind ein Phänomen des immer stärker zunehmenden elektronischen Handels und können bei hoher Bündelung tatsächlich das Gesamtsystem der Börse überlasten. In Folge dessen verzögern sich andere Orders führen zu extremen Unsicherheiten bei allen aktiven Marktteilnehmern. Diese Argumentation harmonierte mit einer Nachricht der NYSE (New York Stock Exchange) über technische Probleme an jenem Handelstag.

Die dritte Variante einer Erklärung für den Flash-Crash zielt in Richtung eines richtungsbestimmenden Handelsauftrages ab. Bei geringem Volumen am Markt kann dies zu einem massiven Kursausschlag führen. Weitere Marktteilnehmer reagieren automatisiert oder in manueller Panik und verstärken gemeinsam mit ihren Stopp-Loss-Aufträgen diese so entstandene Bewegung.

Was passierte jedoch im Detail an diesem Börsentag? Eine Antwort darauf gibt die US-Börsenaufsichtsbehörde SEC (Securities and Exchange Commission) in ihrem Bericht am 30. September 2010.

Offizielle Begründung zum Flash-Crash

Das Rätsel um den Flash-Crash scheint gelöst. Ein einzelner Marktteilnehmer wird laut Untersuchungsbericht der US-Börsenaufsicht SEC für den drastischen Einbruch der US-Aktienmärkte am 6. Mai 2010 als Verantwortlicher angeprangert. Ohne eine konkrete Namensnennung im Bericht entnahm man aus der Presse wenig später die Randnotiz: Waddell & Reed Financial. Dieser Investmentfonds tätigte vor dem Hintergrund der aufkeimenden europäischen Schuldenkrise Absicherungsgeschäfte im marktbreiten Aktienindex S&P 500. Dabei handelte es sich genau beziffert um 75.000 Future-Kontrakte mit einem Gesamtvolumen von 4,1 Milliarden US-Dollar. Eine auf die Platzierung folgende Verwirrung bei den Hochfrequenzhändlern und das parallel dazu fehlende Kaufinteresse in gleicher Höhe am Aktienmarkt lösten innerhalb von nur 4 Minuten ein Handelsvolumen von 140.000 Future-Kontrakten an der Börse aus – der Flash-Crash! Diese Kettenreaktion konnte nur durch eine Aussetzung des automatisierten Handels unterbrochen werden und führte zu der eingangs beschriebenen schnellen Erholung an den Aktienmärkten. Auf die Flash-Orders der Hochfrequenzhändler wurde im Bericht der SEC zwar eingegangen, eine massive Schuldzuweisung blieb jedoch aus. Dies ist kritisch zu werten, denn immerhin wurden kurz vor der Aussetzung des automatisierten Handels 49 Prozent aller Orders von dieser Marktteilnehmerkategorie umgesetzt.

Der detaillierte Bericht ist an dieser Stelle einzusehen:
SEC-Report

An der Technologiebörse Nasdaq sind kurz darauf alle Transaktionen für ungültig erklärt worden, die unterhalb einer Kurshalbierung ausgeführt wurden. Im Extremfall verlor jeder Marktteilnehmer dort also „nur“ 50 Prozent.

Der Lerneffekt

Die Auswirkungen vom Flash-Crash liegen für alle Marktteilnehmer und -beobachter auf der Hand. Neben Unsicherheit und Panik kommt es nach diesen Momenten mit unglaublichen Verwerfungen im Anlage- und Investitionssegment der Börse zu Angst vor einer Wiederholung. Ein Kursverfall von 50 bis 99 Prozent löst so ziemlich jeden sinnvollen Stopp aus und sorgt für Ernüchterung in Folge einer Volatilitätsberuhigung. Das kann nicht im Sinne des Wertpapierhandels sein!

Von Seiten der US-Börsenorgane wurden aus diesem Grund einige neue Regeln implementiert. In Zukunft wird der Handel im marktbreiten S&P 500 für bis zu 5 Minuten unterbrochen, wenn die Kursnotierung innerhalb kurzer Zeit um mehr als 10 Prozent sinkt. Ein Regelwerk für den Hochfrequenzhandel ist jedoch noch in Planung. Dies ist meines Erachtens unbedingt nötig, um wieder ein Grundvertrauen in die Sicherheit des Börsenhandels zu gewährleisten. Erst dann wird der Begriff „Flash-Crash“ nicht zu einer potentiellen Gefahr sondern ein Kapital im Almanach der Börse bleiben.

Bernecker1977 – Andreas Mueller

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